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Buchvorstellung: „Dopamin & Käsekuchen“ (Manfred Spitzer)

Wer an fundierten, aber leicht lesbaren Texten aus der Neurobiologie, Psychologie, Genetik und Hirnforschung interessiert ist, findet in „Dopamin und Käsekuchen – Hirnforschung à la carte“ von Manfred Spitzer* eine amüsante Zusammenfassung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu top-aktuellen Themen.

Die behandelte Themenpalette ist mit teilweise sehr kuriosen, wissenschaftlichen Studien untermauert und reicht von „Was-ist-wirklich-dran-am-Gehirnjogging?“, „Essen als Suchtverhalten: Wie Käsekuchen zu mehr Käsekuchen führt“, über die „Auswirkungen von TV und Bildschirmmedien auf Kinder und Jugendliche“, „Glücksforschung“ bis hin zu warum Personen, die „Grün“ kaufen, vielleicht doch eher egoistischer handeln und welche Hormone, in welchem Ausmaß, bei wem auf einer Hochzeitsfeier aktiv sind.

Drei Kapitel („Dopamin und Käsekuchen“, „Grün kaufen – egoistisch handeln?“ und „Zucker und Zukunft“) werden in weiterer Folge kurz dargestellt:

Dopamin & Käsekuchen

Um dem Namen des Buches „Dopamin und Käsekuchen“ gerecht zu werden, beschäftigt sich sogleich das erste Kapitel mit diesem Thema. Es wird der Frage nachgegangen, wie es dazu kommt, dass wir zu viel essen, zu viel rauchen und zu viel Alkohol trinken, obwohl wir ja eigentlich wissen, dass wir uns damit nichts Gutes tun.

Spitzer erläutert auf nachvollziehbarer Weise den neurologischen Zusammenhang, zwischen Erlebnissen die besser ausfallen als erwartet, Dopaminausschüttung, Lernen und dadurch die langfristige Zuwendung des Organismus zu dem, was ihm gut tut.

Dieser neurologische Kreislauf wird vor allem bei Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung stark aktiviert (da dies die natürlichsten Reize sind, die uns das Überleben sichern). Nahrungsaufnahme führt zu einer Dopaminfreisetzung (die Ausschüttung von Dopamin setzt Glücksgefühle frei), deren Ausmaß mit der Freude am Essen korreliert. Diese nahrungsbedingte Dopaminfreisetzung ist bei übergewichtigen Menschen vermindert, sodass sie für den gleichen belohnenden Effekt mehr essen müssen.

Das heißt: “Suchtartiges Essverhalten entsteht bei ungehinderten Zugang zu einer wohlschmeckenden hochkalorischen (Cafeteria-)Diät. Der Mechanismus besteht in einem verminderten Ansprechen des dopaminergenen Belohnungssystems, sodass für den gleichen belohnenden Effekt mehr gegessen werden muss. Ein vermindertes Ansprechen des Systems ist zudem ein Risikofaktor für diese Entwicklung, denn es erleichtert gewissermaßen das Hineinschlittern in deinen solchen Teufelskreis aus Käsekuchen > Dopaminunterfunktion > geringer Belohnungseffekt > mehr Käsekuchen.“ (Spitzer 2011, S. 11-12.)

Grün kaufen – egoistisch handeln

Ein weiteres Kapitel geht der Frage nach, welche unbewussten Prozesse uns veranlassen mehr oder weniger moralisch korrekten Handlungen zu tätigen. Grundsätzlich wäre ja zu vermuten, dass Biogemüse, Holzbausteine und Fahrräder eher mit sozial verantwortungsvollen und moralisch handelnden Menschen im Zusammenhang stehen. Dass dies nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen muss, konnte durch eine Reihe von Studien nachgewiesen werden.

Es wurde herausgefunden, dass wir Menschen eine Art innere „Exceltabelle“ mit uns herumtragen, in der wir unsere „guten“ und „bösen“ Taten vermerken und gegeneinander aufrechnen. „“Unter dem Strich“ steht dann die Summe aller Taten, die so lange unverändert ist, wie schlechte Taten durch gute wieder aufgehoben werden.“ (Spitzer 2011, S. 92.) „Weil jedoch gilt, dass man unbewussten Effekten nur dann unterliegt, wenn man sie nicht kennt, sei an dieser Stelle wieder einmal betont, wie wichtig Aufklärung durch Wissenschaft im Sinne einer besseren Selbsterkenntnis tatsächlich ist. Wer grün kauft, sollte also hinterher gut auf sich aufpassen!“ (Spitzer 2011, 99-100.)

Zucker und Zukunft 

Das Gehirn kann Fett nicht verwerten und braucht daher, um seine Funktionen aufrecht zu erhalten Zucker. Eine Unterzuckerung oder eine zu niedriger Zuckerkonzentration im Blut hat psychische Auswirkungen wie Konzentrationsstörungen, Nervosität, Störungen der räumlichen und zeitlichen Orientierung, der Sprache, der Emotionen oder auch Kontrollverlust über Willkürbewegungen.

Wenn wir nun über unsere Zukunft nachdenken, so wird das Frontalhirn (zuständig für Planung, Steuerung, Kontrolle, Inhibition und Sitz des Arbeitsgedächtnisses) aktiv. Die Aktivität des Frontalhirns ist jedoch eingeschränkt bei Unterzuckerung und wir „verlieren“ die Fähigkeit unsere Zukunft zu planen, Zusammenhänge herzustellen oder Konsequenzen von Handlungen abzuschätzen. Die Unterzuckerung hat zur Folge, dass wir primär Handlungen setzen, die auf die Gegenwart oder auf das gegenwärtige Überleben ausgerichtet sind.

Ein Beispiel:

Wenn wir nun beispielsweise hungrig in den Supermarkt gehen, dann ist der Einkaufswagen in der Regel viel voller, als wenn wir zuvor etwas gegessen hätten. „Dies ist aus evolutionärer Sicht durchaus von Vorteil, denn das Gehirn berücksichtigt bei Entscheidungsfindungsprozessen während der Nahrungssuche den Stand der jeweils vorhandenen Reserve.“ (Spitzer 2011, S. 135)

Beschäftigt sich unser Gehirn mit der Gegenwart, die wir ja permanent mit uns herumtragen, braucht das Gehirn deutlich weniger kognitive Ressourcen als zur Repräsentation der Zukunft. In einem eindrucksvollen Studiendesign wurde der Frage nachgegangen, inwieweit „der Stellenwert der Zukunft bei Entscheidungsprozessen mit abnehmender Blutzuckerkonzentration gegenüber dem Stellenwert der Gegenwart“ (Spitzer 2011, 136.) an Bedeutung gewinnt oder verliert. Das Resümee von Spitzer: „Ich für meinen Teil werde in der Zukunft besser auf die Bereitstellung von Keksen zum Kaffe bei wichtigen Besprechungen achten und auf Vorträgen an Schulen noch dringlicher darauf hinweisen, dass die Schüler nur dann ordentlich unterreichtet werden können, wenn sie nicht müde und nicht hungrig sind. „Für das Leben lernen“ kann nur der, der seine Zukunft (also sein Leben in der Zukunft) auch mental repräsentieren kann. Hierfür – und natürlich auch für Latein, Mathematik oder Deutsch – braucht unser Leib genügend Zucker im Blut.“ (Spitzer 2011, S. 141.)

Diese und viele andere wertvolle, wissenschaftlich abgesicherten Lebensempfehlungen stellt das Buch zusätzlich zur Verfügung, wobei es eher als Fachliteratur und nicht als Ratgeber einzustufen ist.

Zusammengefasst von Barbara Maria Weber

Spitzer, Manfred (2011):

Dopamin & Käsekuchen. Hirnforschung à la carte. Schattauer Verlag, Stuttgart.

 * Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg, war Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, Gastprofessor an der Harvard-Universität und am Institute for Cognitive and Decision Sciences in Oregon. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft, der Lernforschung und Psychiatrie. Er ist Buchautor und moderiert die wöchentliche Fernsehserie „Geist und Gehirn“.

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