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Einfach mal nichts tun…!

 

151Wann haben Sie das letzte Mal nichts getan? Nicht ferngesehen, nicht gelesen, keine Mails gecheckt, nicht am Zeitmanagement oder Ihrem Alleinstellungsmerkmal gearbeitet? Von so einer Auszeit, in der man „mit sich selbst Kontakt aufnimm
t“ können viele nur träumen. Wir sind permanent online und jederzeit erreichbar und haben ständig Angst, etwas zu verpassen. Einerseits leiden wir an der Reizüberflutung und dem Gefühl ständiger Überforderung – sei es im Privat- oder Arbeitsleben – andererseits wollen wir schnellere Datenleitungen und leistungsfähigere Computer und Handys.
Philosophen wissen längst, dass Geist und Seele schöpferische Pausen brauchen. Psychologen und Neurowissenschaftler haben diese Weisheit auch für die Wissenschaft entdeckt und zeigen, wie wichtig Momente der Auszeit und des Nichtstun sind. Sie fördern nicht nur Kreativität, Selbsterkenntnis und Gesundheit, sondern auch die Regeneration, stärken das Gedächtnis und sind Voraussetzung für das seelische Gleichgewicht. Stille ist essentiell, um sich konzentrieren zu können und nimmt den Druck des Lärms, der von außen entsteht. Der deutsche Psychologe Ernst Pöppel ist sogar der Meinung, dass wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann gäbe das den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.

Manfred Spitzer, renommierter Gehirnforscher, erklärt, dass auch beim vermeintlichen Nichtstun unser Gehirn überaus aktiv ist. Es sortiert, kodiert um, speichert ab, verbindet neu. Es erledigt eine Menge Hausarbeit um fit zu bleiben für die nächsten Aufgaben. Auch in Ruhe ist das Gehirn also nicht untätig sondern sogar sehr aktiv, manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiviert als beim zielgerichteten Denken. Dies bezeichnet man auch als „Ruhestandardnetzwerk“ um anzudeuten, dass es nicht ein Bereich im Gehirn ist, der beim Nichtstun aktiv wird, sondern ein ganzes System. Ähnlich verhält sich das Gehirn auch im Schlaf. Schlaf bedeutet nicht ein „Herunterfahren“ oder „Abschalten“ des Gehirns, ganz im Gegenteil: Schlaf ist eine vom Gehirn herbeigeführte Abfolge von ganz bestimmten Zuständen zum Teil ebenso hoher Aktivität wie im Wachzustand.

Wenn die äußere Informationsflut fehlt, kann das Gehirn auf einen riesigen Schatz an gespeicherten, „inneren“ Wissen zugreifen – Erinnerungen, kulturelle Prägungen, unbewusst Aufgeschnapptes und längst Vergessenes. Befreit von Input, kann das Gehirn gewissermaßen in sich selbst spazieren gehen, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und so neue Zusammenhänge zwischen gespeicherten Fakten herstellen. So entstehen ganz von selbst neue Gedanken und, wenn wir Glück haben, auch unerwartete Geniestreiche und „Geistesblitze“.

Genialen Einfällen geht zwar oft eine Zeit intensiven Nachdenkens voraus, oft folgt das bewusste Denken aber nur den bekannten, ausgetretenen Pfaden. Wer zu verbissen nach einer Lösung sucht, unterdrückt regelrecht die eigene Kreativität – dann wird es Zeit das Gehirn „zu lüften“. Der Hirnforscher Gerhard Roth rät: „Setzen Sie sich zuerst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen Sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke der Großhirnrinde erledigen den Rest.“ Dieser Mechanismus nennt sich „Serendipity-Prinzip“ und beschreibt die zufällige Entdeckung von wichtigen, nicht gesuchten Erkenntnissen durch einen theoretisch vorbereiteten Geist.
Wann ist es Zeit für eine Auszeit? Dafür hat Forscher Ernst Pöppel eine einfache Faustregel parat: Führen Sie abends Ihren Tag vor Augen und fragen Sie sich, was Sie Kreatives geleistet haben. Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen. Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause.“

Quellen:
http://www.zeit.de/2010/49/Geistreiches-Nichtstun
http://www.ksta.de/ratgeber/hirnforschung-faulenzen-macht-klug-,15189524,16687120.html